Organisation des Wiener Hofes in der Frühen Neuzeit

Projektleitung: Martin Scheutz, Projektmitarbeiter: Jakob Wührer

Trotz der Aufmerksamkeit, welche die historische Forschung dem Wiener Hof und anderen europäischen Höfen gerade in jüngster Zeit entgegenbringt, ist der Wiener Kaiserhof in vielen Bereichen unerforscht geblieben. Eine zentrale Frage des Wiener Hofes, nämlich dessen Organisation, Struktur und Entwicklung in der Frühen Neuzeit, ist eines dieser Forschungsdesiderate. Das vorliegende Projekt versucht auf der Basis von fünf überlieferten Instruktionsbüchern des Wiener Hofes diese Forschungslücke zu schließen und zu klären, wie die bis zu 3.000 am Wiener Hof beschäftigten Personen des Hofstaats ihren Dienst für den Kaiser verrichteten. In einem ersten Arbeitsschritt werden fünf in den Beständen des Haus-, Hof und Staatsarchiv sich befindenden Instruktionsbücher, die auf circa 1.400 Seiten über hundert Dienstanweisungen (Instruktionen) für Hofämter in sich vereinigen, durch eine Edition der internationalen Forschung zur Verfügung gestellt, in einem zweiten Arbeitsschritt erfolgt eine erste Auswertung dieser Quellen, die in ein Handbuch über die Organisation des Wiener Hofes in der Frühen Neuzeit münden soll.

Die Instruktionsbücher bilden in einem Zeitraum von über zweihundert Jahren (vom 17. Jahrhundert bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts) die jeweils aktuelle Organisationsstruktur des Wiener Hofes ab. Sie bilden zusammen eine intertextuelle Sinneinheit und waren im bürokratischen Alltag des Wiener Hofes wichtige und viel benutzte Arbeitsbehelfe. Deshalb sind die Instruktionsbücher und die in ihnen enthaltenen Instruktionen eine geeignete Quelle für dieses Forschungsvorhaben. 137 Texte behandeln rund achtzig verschiedene Hofämter aller Ebenen der Organisationshierarchie des Wiener Hofes. Den Instruktionen bei Hof kann ein hoher Aussagewert zugemessen werden, der mit vielfältigen Auswertungsmöglichkeiten einhergeht: Organisationsstruktur, Tätigkeitsprofile von Hofämtern, Verwaltungshandeln und „gute policey“, Zeremoniell und Räume und die durch analytisch-interpretative Auswertung zugängliche „Firmenphilosophie“ (Religion, Verhaltensnormierung, Visibilisierung von Rang und Würde, Inszenierung des Kaisers, Hygiene und Sauberkeit, Staatssicherheit, „Kontrollwahn“, Wirtschaftlichkeit, Repräsentation) seien exemplarisch genannt. Eine mikrohistorische Herangehensweise wird methodisch verwendet, um über die statische Beschreibung der Organisationsstruktur hinaus ein Bild der Praxis vom Funktionieren des Wiener Hofes erstellen zu können und das Zusammenwirken der Personen zwischen und auf den verschiedenen hierarchischen Ebenen sichtbar zu machen.

Die vorgestellten Forschungen müssen als Grundlagenforschung angesehen werden. Das Projekt wird einen essentiellen Beitrag zur Erforschung des Wiener Hofs in der Frühen Neuzeit leisten, der auch von anderen Forschungsdisziplinen gewinnbringend genutzt werden kann: Die Ergebnisse werden einen wichtigen Beitrag zur Kunstgeschichte, Verwaltungsgeschichte, Organisationssoziologie und -theorie liefern. Die Forschungsergebnisse können auch in breitere Forschungsdiskurse eingebracht werden: Konfessionalisierung, Organisationstheorie, Rationalisierung und Bürokratieforschung, Professionalisierung und Spezialisierung, Absolutismusthese und Wirtschaftsgeschichte seien als nahe liegende Beispiele genannt. Durch die erzielten Ergebnisse kann der Wiener Hof auch vermehrt mit anderen europäischen Höfen verglichen werden, was auf Grund des derzeitigen Forschungsstandes noch nicht ohne weiteres möglich ist. Auf Grund der Aktualität der Fragen um Verwaltungsreform, Organisation und Management können unsere Forschungsergebnisse, da sie lang andauernde Entwicklungsstränge freilegen, das Verständnis in diesen Bereichen vertiefen.

Im Zuge der Editionsarbeit an den fünf Instruktionsbüchern wird die Quellengattung der Instruktionen eingehend auch von quellenkundlicher und -kritischer Perspektive beleuchtet. Die Edition selbst soll Ergebnis reflektierter editionstechnischer Überlegungen sein, welche im Rahmen der Vorbemerkung auch diskutiert werden. Ziel ist es, durch dieses Vorgehen eine Musteredition für historische Editionsarbeit in Bezug auf handschriftliche Texte der Frühen Neuzeit zu erstellen. Nicht zuletzt kommen die Ergebnisse auch dem Interesse der Öffentlichkeit an dem durch seine architektonische Ausprägung allgegenwärtigen Wiener Hof entgegen. Sie bieten dem Interessierten Hilfestellung bei der Imagination von Vorgängen, die sich in den heute noch erfahrbaren räumlichen Dimensionen ereignet haben.

Über die laufenden Fortschritte des Projekts informiert ab Februar 2008 eine eigene Projekthomepage (http://www.univie.ac.at/hoforganisation). Unter anderem soll darauf nach und nach die Organisationsstruktur des Wiener Hofes zugänglich gemacht werden, wobei eine Abfrage je nach Tätigkeit und Hofamt das Sichtbarmachen des Zusammenwirkens der Hofbediensteten ermöglichen soll. Über diese Homepage wird auch eine umfassende Bibliographie zum Thema zugänglich gemacht werden, die durch die Besucher selbst ergänzt werden kann, so dass auf neueste und eigene Publikation aufmerksam gemacht werden kann.

Institutionelle Anbindung: Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Wien
Projektlaufzeit: 1. Jänner 2008 bis 1. Jänner 2011
Projektträger: FWF P20157-G08
Kooperationspartner: Österreichisches Staatsarchiv, Abteilung Haus-, Hof- und Staatsarchiv
Kontakt: martin.scheutz@univie.ac.at, jakob.wuehrer@univie.ac.at
Projekthomepage: http://www.univie.ac.at/hoforganisation