Ein FWF-Projekt unter der Leitung von Ao. Univ. Prof. Univ. Doz. Dr. Martin Scheutz.

Das Wiener Bürgerspital, gegründet um die Mitte des 13. Jahrhunderts, bildet in der Frühen Neuzeit die zentrale Kranken-, Armen- und Altenversorgungsanstalt der Stadt sowie gleichzeitig einen riesigen Wirtschaftsbetrieb und eine große Grundherrschaft. Während die mittelalterliche Geschichte dieses größten österreichischen Spitals durch eine Publikation von Brigitte Pohl-Resl aus dem Jahr 1996 als einigermaßen erforscht gilt, harrt die frühneuzeitliche Geschichte dieser multifunktionalen Einrichtung großteils noch im Dunkeln. In der Frühen Neuzeit stellte der riesige Komplex des Wiener Bürgerspitals mit seinen vielen Höfen eine wahre Stadt in der Stadt dar – gelegen innerhalb der Stadtmauern zwischen der damals noch nicht existierenden Staatsoper, der Kärntner Straße, dem Lobkowitzplatz (damals Schweinemarkt) und dem Neuen Markt. Mehrere hundert InsassInnen wurden versorgt, das Bürgerspital fungierte aber auch als wichtige Verteilungsstelle der offenen Armenfürsorge. Nach dem Wiener Hof war das Wiener Bürgerspital vermutlich der größte einzelne Arbeitgeber in der Haupt- und Residenzstadt. Unter Josef II. wurde das Bürgerspital schließlich in den 1780er Jahren aufgehoben, die Kranken kamen in das neue Allgemeine Krankenhaus, während bedürftige BürgerInnen in das Bürgerversorgungshaus St. Marx übersiedelten. Zunächst umgewandelt in ein Zinshaus, wurde das ehemalige Bürgerspital schließlich in den 1880er Jahren abgerissen und verschwand aus dem Wiener Stadtbild.
 
Ein im Oktober 2013 gestartetes FWF-Projekt widmet sich nun dem frühneuzeitlichen Wiener Bürgerspital. Spitalgeschichte bildet ein lebendiges Forschungsfeld, das in den letzten Jahrzehnten immer wieder unter den verschiedenen geschichtswissenschaftlichen Perspektiven (Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Raumgeschichte, Altersforschung, Stadtgeschichte) aktuell war. Obwohl sich ab den 1970er Jahren mit der Sozialgeschichte und bald darauf mit alltags- und kulturgeschichtlichen Betrachtungsweisen die Spitalforschung stärker dem „Innenleben“ der Spitäler, den Lebens- und Arbeitsbedingungen in den jeweiligen Institutionen und deren innerer Organisation, zuwandte, bilden diese Aspekte nicht zuletzt auch wegen der – oft nur auf den ersten Blick – schlechten Quellenlage für viele Spitäler noch immer große Forschungsdesiderate. Besser erforscht sind im Allgemeinen die nach „außen“ gerichteten bzw. wirkenden Themenbereiche wie die oberen Ebenen der Spitalsverwaltung und deren Verortung im politischen Umfeld, die Besitzungen der Spitäler oder die Spitals(eigen)wirtschaft. Im Rahmen des Projekts soll der Fokus auf die bisher noch „unterbelichteten“ Aspekte der Spitalgeschichte gerichtet werden, auf denen momentan auch international ein Hauptaugenmerk der Spitalforschung liegt: Personal, InsassInnen und innere Organisation.
 
Die Archivalien des Wiener Bürgerspitals liegen heute im Wiener Stadt- und Landesarchiv, wo sie einen umfangreichen Bestand bilden. Eine Neuordnung des bisher aufgrund der unzureichenden Ordnung und Erschließung nur mühsam benutzbaren Bestandes wird in Kürze zum Abschluss kommen. Da für die geplanten Untersuchungen kaum Vorarbeiten zur Verfügung stehen, um die Bereiche des „inneren“ Spitalbetriebs im Gesamtgefüge der vielfältigen Aufgaben- und Wirkungsbereiche des Bürgerspitals zu verorten, soll zu Beginn des Projekts das Spital als Ganzes einer Strukturanalyse unterzogen werden. Dazu werden in bestimmten Abständen exemplarische Jahre der „Spitalmeisteramtsrechnungen“ (Jahresbilanzen) ausgewertet, die eine Orientierung anhand der Einnahmen- und Ausgabenstruktur ermöglichen. In einem zweiten Schritt soll eine tiefgehende Untersuchung über das Leben und Arbeiten in der Einrichtung erstellt werden, wofür vor allem auch der Aktenbestand des Spitals sowie Insassenverzeichnisse heranzuziehen sind. Ziel des Projekts ist es, das frühneuzeitliche Wiener Bürgerspital exemplarisch für den mitteleuropäischen Spitalstyp zu untersuchen und somit Vergleiche mit anderen Spitälern, etwa dem besonders gut erforschten Regensburger St. Katharinenspital, zu ermöglichen. Gerade in Bezug auf die im Mittelpunkt des Projekts stehenden Bereiche der Spitalgeschichte fehlt es immer noch an Einzeluntersuchungen.

Kontaktdaten:

Sarah Pichlkastner (sarah.pichlkastner@univie.ac.at)
Martin Scheutz (martin.scheutz@univie.ac.at)
Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Universitätsring 1, 1010 Wien