Oeconomia Jesuitica

Jesuitische Finanzverwaltung, Wirtschaftsführung und soziale Netzwerke in der Habsburgermonarchie, 1563–1773

Projektleiterin: Dr. Zsófia Kádár
Projektstart: September 2023

 

Forschungskontext

Sowohl die Kirchengeschichte (aufgrund der Konfessionalisierungstheorie) als auch die Wirtschaftsgeschichte haben sich in den letzten Jahrzehnten der Sozialgeschichte zugewandt. Das vorliegende Projekt verbindet beide Disziplinen auf innovative Weise, um die soziale Einbettung der österreichischen Jesuitenprovinz in der Frühen Neuzeit anhand ihrer Finanzverwaltung und ihre Wirtschaftsführung zu untersuchen.

Hypothesen/Forschungsfragen/Ziele

Das Hauptziel ist die Darstellung der frühneuzeitlichen Jesuitenwirtschaft in einer Monographie. Im ersten Teil wird die Finanzverwaltung der österreichischen Jesuitenprovinz auf einer Makroebene untersucht, wobei die dreijährlichen Wirtschaftsberichte (catalogi triennales) als Hauptquellenbasis dienen. Dabei konzentriere ich mich auf (1.) das Stiftungsvermögen und die Kapitalausstattung der Kollegien, (2.) die zentrale koordinierende Rolle des Provinzprokurators und (3.) die Wirtschaftsdaten aus den dreijährlichen Katalogen. Im zweiten Teil werde ich anhand von Fallstudien auf der Mikroebene ein Einblick in das Wirtschaftsleben einzelner Niederlassungen geben, um (4.) die Vielfalt ihrer Kreditbeziehungen, ein Schlüssel zum Verständnis ihres sozialen Netzwerkes aufzuzeigen, (5.) den finanziellen und damit den sozialen Hintergrund ihrer Bauunternehmungen (jesuitisches Fundraising) zu analysieren und (6.) die Administration der Ländereien im Zusammenhang mit der sozialen Verankerung des Ordens zu beschreiben.

Ansatz/Methoden

Ich werde (1.) die traditionelle Archivforschung nutzen, um umfangreiches neues Archivmaterial zu erschließen und zu bearbeiten. (2.) Die ‚digital humanities‘ werden mir Methode zur Verfügung stellen, um die Daten zu sammeln und zu strukturieren. (3.) Die serielle Datenanalyse werde ich mit Hilfe statistischer Werkzeuge für die Makroebene und die longue durée durchführen, während ich für die lokale und mikrohistorische Ebene auf die (4.) soziale Netzwerkanalyse zurückgreifen werde.

Neuheitsgrad/Innovationsgrad

Die Einzigartigkeit des Projekts liegt in der Kombination von umfangreicher Archivrecherche zur Erschließung neuer Quellen und deren Untersuchung durch innovative Forschungsfragen und -methoden. Ich beabsichtige, eine Modellstudie zur religiösen Ökonomie im frühneuzeitlichen Europa vorzulegen und zu zeigen, wie die Kombination von Kirchen-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu einem besseren Verständnis der gesellschaftlichen Verankerung der Kirche beitragen kann.

Das Forschungsprojekt wird gefördert durch das ESPRIT-Programm des FWF. Die offiziellen Kooperationspartner des Projekts sind das Institute for Advanced Jesuit Studies (Boston College) und das Archiv der Ungarischen Jesuitenprovinz (Budapest).

 

Neumodellierung frühneuzeitlicher Gesellschaft. Die Jesuiten und die zusammengesetzte Monarchie der Habsburger (16.–18. Jahrhundert)

Projektleiterin: Dr. Zsófia Kádár
Projektstart: September 2021
Projektende: August 2023

Forschungskontext im Rahmen der Habsburgermonarchie

Das 17. Jahrhundert war eine entscheidende Ära der Habsburgermonarchie, als neue Kohäsionskräfte entstanden, die diesen „zusammengesetzten Staat“ verfestigten. Eine davon war die Gesellschaft Jesu, die durch ihre pastoralen und pädagogischen Aktivitäten die Stadtgesellschaft nachhaltig geprägt hat. Die historische Forschung hat deren große gesellschaftliche Wirkung auf das ganze Habsburgerreich bisher nicht deutlich genug herausgearbeitet, auch weil sich die Forschung auf die Grenzen der Nationalstaaten beschränkt hat. Die zentralisierte institutionelle Struktur der Jesuiten und ihre vielfältigen Interaktionen mit den verschiedenen lokalen Teilgesellschaften begünstigten deren große Wirkung. Für die Jesuiten innerhalb der Habsburgermonarchie war die österreichische Jesuitenprovinz der institutionelle Rahmen, der das gesamte Territorium der Monarchie mit Ausnahme von Böhmen, Mähren und Schlesien abdeckte. Das in Angriff genommene Projekt zielt darauf ab, diesem anachronistischen, nationalhistoriographischen Bruch unseres Wissens entgegenzuwirken, indem die österreichische Jesuitenprovinz als kohärenter Interpretationsrahmen gewählt wird.

Hypothesen/Forschungsfragen/Ziele

Mein Ziel ist es, eine Monographie zur Institutionsgeschichte des Ordens und zu den wichtigsten Bereichen des gesellschaftlichen Engagements in der österreichischen Provinz zu verfassen. Im ersten Teil werde ich die Entwicklung des Institutionsnetzwerks der Provinz erläutern, die jesuitische geografische Expansion untersuchen, eine Typologie der Domizile festlegen und wichtige Bereiche des gesellschaftlichen Einflusses der Jesuiten (Seelsorge, Mission, Kongregationen, Schulwesen) untersuchen. Der zweite Teil der Monographie besteht aus einer Datenbank über die Domizile mit wichtigen Informationen zu jedem Haus. Dies wird auch online zur Verfügung gestellt.

Ansatz/Methoden

Die Studie wird bereits publizierte Ergebnisse aus den verschiedenen nationalen Geschichtsschreibungen zusammenfassen und durch eigene Archivrecherchen ergänzen. Für den ersten Teil der Monographie werde ich auf die Methodologie der Verwaltungs-, der Behörden- und der Kommunikationsgeschichte sowie auf die Organisationssoziologie zurückgreifen. Eine öffentlich zugängliche Datenbank soll die Ergebnisse niederschwellig zur Verfügung stellen.

Neuheitsgrad/Innovationsgrad

Die Monographie wird die erste umfassende Abhandlung zur österreichischen Jesuitenprovinz sein und bezweckt die alten nationalen Handbücher aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (etwa Bernhard Duhr SJ) zu ersetzen. Die Datenbank soll ForscherInnen aller relevanten Nationalitäten einen einfachen Zugang zu wichtigen Informationen bieten. Das Projekt zielt darauf ab, den Grundstein für die komplexe, internationale Recherche zur Geschichte der österreichischen Jesuitenprovinz wesentlich zu erleichtern.

Die Antragstellerin hat an der Eötvös Loránd Universität in Budapest (2017) promoviert und zahlreiche Veröffentlichungen über Jesuiteninstitutionen und Bildung in der Habsburgermonarchie vorgelegt. Ihr Projekt wird vom Institut für Österreichische Geschichtsforschung an der Universität Wien als organisatorischem Träger unterstützt (Mitantragsteller Prof. Martin Scheutz).

Das Forschungsprojekt wird gefördert durch das Lise Meitner-Programm des FWF.

Kolorierte Kupferstichkarte von Georg Matthäus Seutter.

Kolorierte Kupferstichkarte von Georg Matthäus Seutter.

 

(Das Bild wurde freundlicherweise vom Archiv der Ungarischen Jesuitenprovinz zur Verfügung gestellt)