Martin Scheutz und Alfred Stefan Weiss

Das Spital in der Frühen Neuzeit

Eine Spitallandschaft in Zentraleuropa

(Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung
Ergänzungsband 64)

 

2020, 725 S.
36 Tabellen, 34 Grafiken, 104 Farb-Abb., 24 x 17 cm, Gb.
Preis: € 100.00
ISBN 978-3-205-20945-4

Es gab im Europa der Frühen Neuzeit tausende Spitäler verschiedenen Typs und mit verschiedener Trägerschaft. Ziel der vorliegenden Publikation ist es, gestützt auf langjährige Forschungen, einen Überblick über die Spitälerlandschaft des heutigen Österreich zu schaffen. Im Sinne eines Überblickes wurden verschiedene Zugänge gewählt: Die Frage des „Typus“ Spital in seiner Breite wird vorgestellt, indem Bürgerspitäler, Leprosorien/Siechenhäuser, Bruderhäuser, adelige Herrschaftsspitäler, Pestspitäler, Waisenhäuser, Kranken- und Armenhäuser in Einzelbeiträgen präsentiert werden. Abhängig vom Forschungsstand werden hier teilweise Fallbeispiele dargelegt und mit dem jeweiligen Typus verglichen.

Besonderes Augenmerk ist der Organisationsgeschichte der Spitäler gewidmet: Die meist zwei- oder dreiteilige Verwaltung der Bürgerspitäler bestand aus dem Stadtrat, fallweise dem Superintendenten und dem Spitalmeister als vor Ort sitzender Leitungsebene. Gerade das Spitalmeisteramt lässt Ambivalenzen erkennen, weil es einerseits im Spätmittelalter meist noch ein Spitzenamt der bürgerlichen Selbstverwaltung war, andererseits gerade im 18. Jahrhundert offenbar immer mehr zu einer Last für den Amtsinhaber wurde, der die Risiken der Spitalfinanzierung oft mit dem eigenen Kapital absichern musste. Das Personal der Spitäler wurde im oberen Führungsbereich mit Instruktionen gelenkt und geleitet, wie sich an den größeren Spitälern gut zeigen lässt: Schreibende Kontrolle durch Spitalschreiber und Gegenschreiber, Vorratswirtschaft und Kontrolle durch den Kastner, Schaffer und Stadelmeier, landwirtschaftliche Hauswirtschaft durch den Meier und sein Gesinde. Die Versorgung der Insassen und des Personals erfolgte durch Koch/Köchin und Zuschroter/Fleischhacker, aber auch die Pflege im Hause durch Krankenwärter und die Seelsorge lassen sich durch Instruktionen gut fassen.

Eigene Hausordnungen versuchten das mitunter nicht sehr friedvolle Miteinander der SpitalbewohnerInnen zu regeln. Die HausbewohnerInnen mussten im Spital mitarbeiten, waren an der Reinigung des Spitals beteiligt und warteten auch die Kranken – die Kategorien Personal und Insassen verschwammen dadurch in der Praxis häufig. Eigene Speisepläne regelten für Personal und Insassen gleichermaßen das Nahrungsangebot des Spitals, das in den meisten Spitälern als ausgewogen bezeichnet werden muss. Diese Speisepläne sind eine essentiell wichtige Quelle auch für die europäische Nahrungsforschung, sie verdeutlichen die verabreichten Mengen beispielsweise an Fleisch, Gemüse, Salat, Brei und Suppe, aber auch Bier und Wein. In der Praxis zeigten sich allerdings deutlich die Probleme bei der Hygiene, bei der „gerechten“ Ausgabe von Nahrung und beim Unterschlagen von Nahrungsmittel durch das Küchenpersonal. Bislang wenig beachtet wird das Ordnungsregime im Spital, ein genauer Blick in die Spitalakten verdeutlicht, dass es etwa sexuellen Missbrauch im Spital in der Frühen Neuzeit gab oder dass sexuelle Beziehungen zwischen Personal und Insassen nicht unüblich waren.

Abschließend versucht das Buch noch den großen und noch eingehender Forschung bedürfenden Bereich der Spitalwirtschaft zu skizzieren: Die Eigenwirtschaft der Spitäler wurde im Laufe der Frühen Neuzeit zugunsten der Renten- und Pachtwirtschaft reduziert. Verschiedene Typen an Spitalwirtschaft lassen sich zudem feststellen: Spitäler mit großer Eigenwirtschaft standen Spitälern mit einer großen Kreditvergabe gegenüber – die gut erhaltenen Spitalrechnungen eröffnen sehr gute Einblicke in die Wirtschaftsgebarung von Institutionen in der Vormoderne. Am Ende des Bandes steht die in der Forschung umstrittene Frage nach den Spitälern ohne Medizin: Ein Blick in die Spitalrechnungen verdeutlicht, dass Ausgaben für Medizin und Arztkosten nur einen geringen Anteil der Ausgabenstruktur der Spitäler ausmachten; dennoch waren die Spitäler der Vormoderne keine reinen Wartehallen des Todes, sondern hier wurde gepflegt, gebetet, aber auch geheilt. Spitäler der Vormoderne als multifunktionale Einrichtungen dienten als Alters-, Armen-, Kranken-, Waisenhäuser – wichtig erscheint aber immer die „Häuslichkeit“ dieser schwer zu fassenden Institutionen.

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